Die Universität Bielefeld (Jochen Sauer | Peter Schildhauer | Anne Schröder) hat folgenden Call for Papers für eine internationale Konferenz am 31.03. und 01.04.2022 veröffentlicht. Abstracts sollten bis zum 31.07.2021 eingereicht werden. Literaturangaben und weitere Maßgaben für Abstracts und Beiträge finden Sie in der PDF-Datei.

Aktuelle Bildungsdiskurse sind maßgeblich von der Frage bestimmt, was Lernende im 21. Jahrhundert können sollen, wobei im Anschluss an die OECD-Publikation von Fadel et al. (2015) fachübergreifend die 21-century Skills betont werden: communication, collaboration, creativity und critical thinking. In den fremdsprachen-didaktischen Diskursen finden sich diese Kompetenzorientierungen und auch ganz konkret die 21-century Skills gespiegelt, z.B. in den (teils überlappenden) Bereichen (Inter-/Trans-)kulturelles Lernen (bspw. Volkmann 2010, Freund/Janssen 2019), Multiliteracies (Ahrens & Antor 2018) und Kritische Fremdsprachendidaktik (Gerlach 2020).

Während Fragen zu gegenwärtig und zukünftig relevanten Fertigkeiten von verschiedenen Perspektiven mit Nachdruck diskutiert werden, wird vergleichsweise zögerlich mit der Frage umgegangen, an welchen Gegenständen diese Kompetenzen entwickelt werden, welche Wissensbestände für Lernende des 21. Jahrhun- derts als relevant gelten und inwiefern tradierte Kanones weiter bestehen sollen:

Knowledge is absolutely essential, but we must rethink what is relevant in each subject area and adapt the curriculum to reflect priorities of learning in both traditional and modern disciplines.

(Fadel et al. 2015: 41)

In den neusprachlichen Philologien scheint es im Zuge der Entwicklungen, die derzeit in den Cultural Studies, in postkolonialer Literaturwissenschaft und der Variationslinguistik stattfinden, ausschließlich Konsens zu sein, dass wir es mit einem „enormously varied field of possibly-relevant texts“ (Cope & Kalantzis 2009: 174) zu tun haben.

In der klassischen Philologie richtete sich seit den 70er Jahren das Interesse zunehmend auch auf Texte der spät- und nachantiken Latinität (zum schulischen Kanon Fuhrmann 1995), der Begriff des ‚Klassischen‘ wurde aufgelöst (Hölscher 1989). Dass mit der Berücksichtigung spätantiker, mittel- und neulateinischer Texte – insbesondere im Sinne einer Europabildung – auch historische und regio- nale Varietäten des Lateinischen Einzug in den Unterricht fanden, ging mit dieser Entwicklung einher (z.B. Lobe 2013; kritisch Doepner 2018).

Eingedenk dieser Entwicklungen in den Alt- und Neuphilologien stellt sich für uns somit umso nachdrücklicher die Frage danach, ob, auf welche Weise und ggf. mit welchen spezifischen Inhalten ein Kanon in den jeweiligen Philologien definiert werden kann. Dies ist für uns nicht nur eine Frage der Selbstversicherung der einzelnen Disziplinen, sondern auch eine nach (Wieder)Herstellung von Kohärenz zwischen universitärer Lehrer:innenbildung und schulischem Unterricht (Volkmann 2012).

Im Anschluss an die erste „New Horizons“-Tagung (Schildhauer/Sauer/Schröder 2020) möchten wir deshalb Vertreter:innen der Alt- und Neuphilologien und ihrer Didaktiken sehr herzlich einladen, mit uns gemeinsam im Rahmen einer Arbeitstagung dieser Frage in Diskussionsrunden nachzugehen. Willkommen sind insbesondere Beiträge zu folgenden Bereichen:

Kritische Bestandsaufnahme:

  • Welche sprachlichen, literarischen und kulturellen Kanones bestehen gegenwärtig – implizit wie explizit?
  • Welche etablierten (Macht-)Strukturen liegen ihnen zugrunde (bspw. hinsichtlich Kategorien wie Ethnizität, Gender, Nationalität etc.)?
  • Wie werden diese Kanones verankert und kommuniziert, welche Akteur:innen sind dabei zentral?

Konzepte und Implikationen:

  • Was bedeutet fremdsprachliche Bildung im 21. Jahrhundert und welche grundsätzlichen Implikationen ergeben sich daraus für die Textauswahl?
  • Welche didaktischen Kriterien und Leitlinien können zur Bestimmung von Kanones des 21. Jahrhunderts beitragen?
  • Welche konkreten Texte bzw. Literalitäten geraten damit in den Blick?
  • Welche Herausforderungen und Potenziale ergeben sich insbesondere bei Auswahl und Nutzung sog. born-digital texts (Kersten & Ludwig 2021)?


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